Der Ablenkungsjournalismus

Andere Länder haben einen Aufdeckungsjournalismus. Da wird recherchiert und da werden Skandale an die Öffentlichkeit gebracht, zum Beispiel durch verdeckte Ermittlungen. Da geben sich Reporter zum Beispiel als Lobbyisten aus, die EU-Abgeordneten, die in Wirklichkeit selber nur Lobbyisten sind, Geld für massgeschneiderte Gesetze anbieten.

So etwas ist in Österreich verboten. Hier darf man die korrupten Politiker nicht mit verdeckten Ermittlungen auffliegen lassen. Die Österreichischen Reporter haben es sich ausserdem viel zu kuschelig mit der etablierten Politik eingerichtet. Vom Zeitungsverkaufen kann man ja eigentlich nicht mehr leben. Der Markt ist zu klein und was man wissen will, findet man schneller und billiger in Internet. Also werden einfach die Pressetexte der Parlamentsparteien kopiert und mit irgendwelchen Phrasen versehen abgedruckt.

Dafür gibt es dann von den Parlamentsparteien Steuergeld. Ganz offiziell und regelmäßig als „Presseförderung“. Und in Wahljahren ergießt sich dann wie ein warmer Regen die Flut an bezahlten Inseraten über die Zeitungen und Wochenmagazine. Diese Millionen kann man sich einfach nicht entgehen lassen und deswegen müssen es sich die Medien irgendwie immer mit den größeren Parteien gutstellen. Aber Pressetexte und die immer gleichen Kampagnen sind eher langweilig, also womit soll man dann die Leser unterhalten?

Für jeden Bedarf gibt es das richtige Produkt und der Österreichische Markt hat schon längst die richtige Antwort gefunden: Statt echten Skandalen kochen die Medien irgendwelche alten Geschichten immer wieder auf und verkaufen sie mit einem zynischen Unterton als „Analyse“. Idealerweise kann man damit jemand anschütten, der irgendwie den Großparteien gefährlich werden könnte. Wirklich perfekt wird es, wenn man gleichzeitig von einem Thema ablenken kann, das die Großparteien jetzt strategisch gar nicht brauchen können.

Der Stronach will über Steuersenkungen reden? Davon lenken wir schnell ab, indem wir ihn mit den Eurofightern anschütten. Die KPÖ will über Mietpreise reden? Davon lenken wir schnell ab, indem wir sie mit dem Stalinismus anschütten. Die MÄNNERPARTEI will über Gerechtigkeit für Männer reden? Davon lenken wir schnell ab, indem wir sie mit Gewaltthemen anschütten. Eva Linsinger schreibt einen Artikel über die MÄNNERPARTEI. Eine Woche wird „recherchiert“. Es gäbe wirklich genug interessante politische Fragen: Stimmt es wirklich, dass das Pensionsdefizit ausschliesslich von den Frauenpensionen kommt? Welches Modell hat die MÄNNERPARTEI wirklich für eine gleichberechtigte Elternschaft? Wollen sie nur Rechte für Männer oder bekennen sie sich auch zu Männerpflichten?

Das einizige, was Eva Linsinger eine Woche lang recherchiert, ist: Wie können wir der MÄNNERPARTEI das Gewaltthema umhängen? Wie können wir Oliver Peter Hoffmann und Hannnes Hausbichler mit irgendwelchen verurteilten Gewalttätern in Verbindung bringen? Eine Woche sucht Eva Linsinger und findet nichts, dann goggelt sie sich kurz vor dem Abgabetermin einen Artikel zusammen, in dem jede Menge Schwachsinn steht. Hauptsache, die wirklichen Anliegen der MÄNNERPARTEI kommen nicht vor. Hauptsache, man kann die MÄNNERPARTEI in irgendein Eck abdrängen.

Jetzt hat es also Stronach und die KPÖ erwischt. Sollte man sich vielleicht mit der Frage auseinandersetzen, ob in dieser Phase des Kapitalismus der Markt doch nicht allein für leistbare Mieten sorgen wird? Nein, das kann Christian Ortner nicht zulassen. Also wird der Leser mit einer „Aufdeckung“ über Geschichten aus dem 20. Jahrhundert abgelenkt. Wirklich Neues erfährt der Leser dabei nicht. Aber wer sich informieren will, hat ja das Internet.

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